Ausgangslage

Obwohl Costa Rica mit seiner im regionalen Vergleich überdurchschnittlichen Entwicklung über eine relativ stabile Wirtschaft verfügt, steht das Land vor der Herausforderung, Ungleichheiten in der Verteilung des erlangten Wohlstandes entgegen zu treten. Die Provinzhauptstadt San Isidro de El General in Costa Rica befindet sich in der Region Brunca, welche zu den ärmsten Regionen Costa Ricas zählt. Der Strukturwandel von einer agrarischen Wirtschaftsstruktur zu modernen Arbeitsfeldern führte hier zu einem extremen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Mit den ökonomischen Problemen traten parallel auch soziale Problemlagen auf. Der Missbrauch von Drogen wurde zu einem immer größeren Problem, Meldungen über häusliche Gewalt und die Kriminalität stiegen an, gleichzeitig mehrten sich die Schulabbrüche. Kinder und Jugendliche sind besonders von dieser Problemlage betroffen. Perspektivlosigkeit und das Fehlen von sinnvollen Freizeitmöglichkeiten schüren die Gefahr, dass Kinder und Jugendliche in negative Strukturen geraten. Deswegen ist es essentiell, den Heranwachsenden eine Freizeitbeschäftigung zu ermöglichen, in deren Umfeld sie Förderung erfahren und so auf spielerische Weise einen Ausweg aus der scheinbar hoffnungslosen Situation gezeigt bekommen.

Die Initiative skate-aid arbeitet in jedem ihrer weltweiten Projekte vor Ort mit etablierten Partnerorganisationen zusammen und stellt so den direkten Bezug zur Region und den Menschen sicher. Bei diesem Projekt wurde eine Kooperation mit der Organisation „Vida Nueva“ eingegangen. „Vida Nueva“ ist ein Sozialprojekt, welches sich um Kinder aus armen und schwierigen Verhältnissen kümmert. Dabei geht es speziell um Sport- und Freizeitgestaltung, die Ermöglichung eines Schulbesuches für sozial benachteiligte Kinder und die Einführung präventiver Maßnahmen hinsichtlich häuslicher Gewalt, Aufklärung über Geburtenkontrolle und weitere Problemlagen, die für die Kinder und Jugendlichen relevant sind.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärte kürzlich, dass aktiver Sport für Kinder und Jugendliche für den Aufbau eines gesunden Immunsystems und die Stärkung der geistigen und körperlichen Ressourcen unabdingbar ist. Daneben fördert das gemeinsame Sporttreiben den sozialen Austausch von sozioökonomisch und kulturell unterschiedlichen Gruppen. Zusätzlich dazu schafft Sport die Möglichkeit, Grenzen der Geschlechterrollen und kulturelle Barrieren zu überschreiten, unterschiedlichste Menschen zu integrieren sie so zu befähigen, an der Gesellschaft zu partizipieren. „Vida Nueva“ und skate-aid haben sich gemeinsam dazu entschlossen, eine Sportanlage zum Skateboarding zu bauen, um den Kindern und Jugendlichen eine sichere und sinnvolle Freizeitgestaltung zu bieten und sie auf dem Weg zu selbstbestimmten, selbstbewussten und verantwortungsvollen Menschen zu begleiten.

Ziele des Projekts

Unser Projektort, San Isidro de El General, liegt in einer der ärmsten Regionen Costa Ricas und weist Problemlagen wie Drogenmissbrauch, eine hohe Arbeitslosigkeit und steigende Kriminalitätsraten auf. Am meisten leiden die Kinder und Jugendlichen unter diesen Umständen. Fehlende Freizeitmöglichkeiten verleiten sie zu einem Leben auf der Straße, die Gefahr ist groß, dass sie in den Kreislauf von Drogenmissbrauch und Kriminalität geraten.

Mit dem Projekt soll den Jugendlichen eine Alternative zu diesem Leben gegeben werden. Die Energie der Jugendlichen auf Sport und soziales Engagement ausgerichtet wird, findet eine Steigerung des Selbstwertgefühls statt und sie erfahren Zugehörigkeit in einer Gruppe. So werden die Kinder und Jugendlichen vor negativen Einflüssen wie Gangs, Gewalt und Drogen geschützt. Gleichzeitig lernen sie, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.

Bei dem Projekt werden die Jugendlichen als aktive Mitglieder bei der Planung, Bau der Anlage und Durchführung der Workshops mit eingebunden. Diese Mitarbeit fördert nicht nur die soziale, sondern auch die berufliche Kompetenz der Jugendlichen gefördert. Über die demokratische Selbstorganisation innerhalb der Gemeinschaft wird das Verantwortungsgefühl der Kinder und Jugendlichen und ihre Unabhängigkeit gestärkt, gleichzeitig werden handwerkliche Kenntnisse und eine positive Arbeitseinstellung vermittelt.

Skateboarding ist besonders gut für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen geeignet, es ist unvorbelastet. Es ist keine rein männliche oder weibliche, weiße oder schwarze, arme oder reiche Sportart. Das Zusammenkommen unterschiedlichster Jugendlicher, unabhängig von Geschlecht, Religion oder sozialer Schicht, fördert das Verständnis der Jugendlichen untereinander. Dadurch entsteht die Möglichkeit soziale oder geschlechtsspezifische Ungleichheiten abzubauen und bietet so auch Mädchen die Möglichkeit, sich aktiv in die Gemeinschaft zu integrieren.

Bei dem Projekt werden Problemlagen aus der Lebenswelt der Jugendlichen in Workshops aufgegriffen und thematisiert, so dass die Lebensumstände der Jugendlichen nachhaltig positiv beeinflusst werden können. So wird ein aufgeklärter Umgang der Jugendlichen mit Themen wie HIV, Umweltschutz, Gewalt, Gleichberechtigung, etc. herbeigeführt. Durch Sport, verbunden mit Aufklärung, sollen die Jugendlichen körperlich und mental gestärkt werden. Dieses zieht langfristig positive Effekte auf gesamtgesellschaftlicher Ebene nach sich.

Partizipation spielt als Gestaltungsprinzip eine übergeordnete Rolle. Durch die maßgebliche Beteiligung und Einbindung der Zielgruppe und der Gemeinden vor Ort werden sie in die Lage versetzt, ihre Interessen zu artikulieren und zu vertreten (empowerment). Dadurch machen sich die Menschen das Projekt und seinen Erfolg zu Eigen und identifizieren sich mit dem Vorhaben (ownership). Dies ist eine wichtige Voraussetzung für die Nachhaltigkeit des Projekts, welches sich mittelfristig selbst tragen soll. Zudem wird bei dem Projekt die Wirtschaft vor Ort gefördert, indem die Baumaterialien von lokalen Lieferanten eingesetzt werden. Zudem können die umliegenden Schulen den Sportpark für ihren Unterricht nutzen. Als Anleiter und Hilfslehrer können sich Jugendliche aus dem Skateboard-Projekt einbringen, ihre Führungsqualitäten werden so gestärkt.

Begründung des Projekts

Das Projekt richtet sich an sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche in San Isidro de El General, Costa Rica. Das Konzept sieht eine offene Jugendarbeit vor. Die Sportanlage ist für alle interessierten Jugendlichen zugänglich, sie können sie entweder selbstständig und ohne Anleitung nutzen, oder auch das angebotene Skateboardtraining in Anspruch nehmen. Studien zeigen, dass etwa 70 Prozent aller menschlichen Lern- und Bildungsprozesse außerhalb von Bildungsinstitutionen stattfinden. In diesem Sinne ist das Projekt zu verstehen: Sport bietet in seinem Handlungsraum, in dem friedliche Begegnungen und ein chancengleicher Umgang miteinander eingeübt wird, sowie gegenseitiges Lernen und Akzeptieren vollzogen wird, die ideale Basis für die Projektziele der Prävention und sozialen Reintegration. Verbunden mit den angebotenen Workshops, die Themen aufgreifen, die für die Lebenswelt der Jugendlichen relevant sind und gleichzeitig darauf abzielen, ihre Situation zu verbessern.

Wenn Jugendliche Sport in einem Verein oder generell in einer Gruppe betreiben, sind sie in einer Norm- und Wertegemeinschaft eingebunden, in der jeder den gleichen Regeln unterliegt. Der Prozess der Integration (Inklusion) in die Gesellschaft (oder Teilbereiche) wird so unterstützt, soziale Isolierung (Exklusion) wird überwunden. Die Anerkennung des sozialen Umfelds signalisiert dem Individuum die Zugehörigkeit. Das Gefühl des Dazugehörens bildet einen wesentlichen Aspekt bei dem Erwerb und der Stabilisierung des Selbstwertes und der Identität. Die Kinder und Jugendlichen fühlen sich beim Skateboarding einer bestimmten Gruppe zugehörig. Somit nimmt Skateboarding eine identitätsfördernde Stellung ein. Gleichzeitig fördert es die Teamfähigkeit, das Konzentrationsvermögen, die Sozialkompetenz, die Disziplin, die Toleranz, die Organisations- und Kommunikationsfähigkeit der Kinder und Jugendlichen. Diese Kompetenzen sind für ein selbstbestimmtes, unabhängiges Erwachsenenleben von enormer Bedeutung.

Das Projekt fördert so die Integration der sozial benachteiligten Jugendlichen in die Gesellschaft und baut damit langfristig Ungleichheiten ab.